Zinsentscheid der EZB: Warum es keine wirkliche Zinswende geben wird

Creator: Peter Stein, File#: 307956727, Bildquelle: AdobeStock.com

Seit Wochen kennen die Finanzmärkte nur eine Richtung: nach unten. Die wichtigsten Indizes wie beispielsweise der DAX oder auch der Dow Jones haben wichtige Unterstützungen unterschritten und jeder zaghafte Erholungsversuch wird gnadenlos abverkauft. Dabei sind die Erinnerungen an die Party an der Börse noch wach, die in den letzten Jahren ohne Pause gefeiert wurde. Nun setzt allerdings Katerstimmung ein. Was sind die Gründe? Die offizielle Lesart lautet folgendermaßen: Die rekordhohe Inflation hat dazu geführt, dass die Notenbanken das Ende des billigen Geldes einläuten. Die Zinswende ist in vollem Gange, sodass Strafzinsen auf hohe Spareinlagen oder Nullzinsen auf das Giroguthaben der Vergangenheit angehören werden. Weil sich das Sparen nun endlich wieder lohnt, ziehen Anleger ihr Geld aus Aktien, Kryptowährungen oder Edelmetallen ab.

So weit die Theorie. Bei dieser Betrachtung wird jedoch völlig außer Acht gelassen, dass das Sparbuch durch die Zinsentscheide von EZB und Fed keinesfalls zum neuen Goldstandard der Vermögenssicherung wird. Eine EZB-Zinserhöhung auf 0,25 Prozent trifft auf eine Rekordinflation von 7,9 Prozent in Deutschland. Unterm Strich liegt die negative Realverzinsung auf dem Sparbuch also weiterhin bei über sieben Prozent — oder mit anderen Worten: Jedes Jahr verliert das Vermögen rund sieben Prozent an Wert.

Somit ist die Panik an der Börse und am Edelmetallmarkt bei nüchterner Betrachtung zum jetzigen Zeitpunkt völlig fehl am Platze. Zweifelsohne steht eine Zeitenwende bevor, doch das Umdenken hätte bereits vor vielen Jahren einsetzen müssen. Die Notenbanken haben unvorstellbare Summen in die Märkte gepumpt und damit eine Blase entstehen lassen, die in der Menschheitsgeschichte einmal ist. Sie haben zudem tatenlos zugesehen, wie die Inflation nach jahrelanger Totenstarre praktisch über Nacht wiederauferstanden ist — und diesen Geist konnten die Währungshüter nicht mehr einfangen.

Doch wer glaubt, dass das Schlimmste bereist überstanden sei, sollte einen Blick in die Nachrichten werfen: „EZB-Rat trifft sich zur Sondersitzung“, heißt es am 15. Juni 2022, dem Tag des neuerlichen Fed-Zinsentscheides. Die führenden Notenbanker wollen die „aktuellen Marktbedingungen diskutieren“. Gemeint ist damit: Sie wollen die südeuropäischen Schuldenstaaten schützen, nachdem der Zins für italienische Staatsanleihen wieder über die Marke von vier Prozent gestiegen ist.

Insbesondere die Europäische Zentralbank sitzt endgültig in der Falle: Einerseits müsste sie die Zinsen deutlich kräftiger erhöhen, um die Differenz zwischen Inflation und Zinsniveau auszugleichen. Andererseits sind Maßnahmen wie das Ende der milliardenschweren Ankäufe von Staatsanleihen, so wie es zumindest ab Anfang Juli geplant ist, Gift für die Krisenstaaten in Südeuropa. Italiens Volkswirtschaft könnte vollständig destabilisiert werden, wenn die lebenserhaltenden Maßnahmen durch die EZB-Anleihekäufe der Vergangenheit angehörten.

Dass Gold in den Taumel der Sorgen vor Inflation und Zinswende gerät, ist auf den ersten Blick verwunderlich — allerdings gab es entsprechende Marktbewegungen bereits bei früheren Finanzmarktturbulenzen: Üblicherweise ist durch Gold viel Kapital gebunden, das vergleichsweise leicht „flüssig gemacht“ werden kann, wenn Anleger beispielsweise durch Fehlspekulationen mit Optionsscheinen oder Zertifikaten sogenannte „Margin Calls“ bedienen, also Geld nachschießen müssen. Grundsätzlich spricht in der aktuellen Situation auch weiterhin viel für Gold — das alte Argument, wonach Gold keine Zinsen abwirft, ist weiterhin schlichtweg irrelevant. Denn während das Sparbuch womöglich schon bald wieder Minizinsen abwirft, unterm Strich aber eine negative Realverzinsung von über sieben Prozent verursacht, lag die Performance von Gold in Euro in diesem Jahr bis Mitte Juni 2022 bei stattlichen acht Prozent — damit ist der Beweis erbracht: Gold wird weiterhin seinem Ruf als Inflationsschutz gerecht.

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